Der Höhepunkt…
Heute war der Tag, auf den wir so lange schon hin gefiebert hatten, das große Hauptziel unserer Reise lag in greifbarer Ferne. Obwohl wir von der gestrigen Fahrt sehr erschöpft waren, konnten wir es kaum erwarten, bis die Sonne aufgeht, um endlich wieder starten zu können. Die Aufregung war einfach zu groß um noch einen ausgedehnten gemütlichen Morgen in der Hütte zu haben. Wir also aufgesprungen, das Nötigste gefrühstückt und sich mental auf das Nordkap eingestellt.

Am Abend zuvor haben wir unsere, die vom Regen etwas angefeuchteten, Schuhe und Handschuhe im Vorraum der Hütte aufgehängt und die Heizung aufgedreht. Der Plan war es die Sachen trocken zu bekommen. Da wir aber am Abend zuvor vergessen hatten, die Heizung auszuschalten, waren am nächsten Morgen gefühlt 50 Grad im Raum. Hätte nur noch ein Aufguss gefehlt und die Sauna wäre perfekt gewesen. Aber wenigstens waren die Sachen nun trocken und warm, sodass wir nur noch rein springen mussten und bereit waren, für was auch kommt.
Die Seitenkoffer haben wir von beiden Twins abgemacht und in der Hütte verstaut. Ebenso auch beide Topcase leer gemacht, sodass wir leichtes Gepäck hatten. Die letzten Kilometer sollten eine lockere Reise werden. Denn wozu sollten wir die Koffer mitschleppen, wenn wir sowieso wieder an die Hütte zurückkommen!?
Draußen kam die Sonne raus und es versprach ein wunderschöner Tag zu werden. Nachdem wir die Twins bereit hatten, ging es auch schon los. Durch den Ort und weiter nach Norden. Ca 130 km noch bis zum Nordkap, dieselbe Distanz wieder zurück und einen kompletten Tag Zeit. Beste Voraussetzungen also.

Nach einigen Kilometern stellten wir fest, dass die Straße zwar gut ist, aber dennoch im Ausbau war. Es gab einige Baustellen an denen es keinen festen Untergrund gab und nur Schotter und Schlamm lag. Wir waren froh, die Koffer abmontiert zu haben, da das manövrieren auf diesem Untergrund leichter fiel mit weniger Gewicht auf den Twins.
Vor der Reise dachten wir, dass es das letzte Stück nur an der Küste entlang gehen würde und wir keine so weitläufigen Landschaften so weit im Norden mehr zu Gesicht bekommen würden. Aber da wurden wir eines Besseren belehrt. Denn plötzlich standen wir wieder in einer weiten Ebene, die fast unendlich erschien und absolut menschenleer war, so weit das Auge sehen konnte. Und man konnte bis zum Horizont blicken. Also nichts wie anhalten, ein paar Fotos gemacht und die Drohne in den Himmel gebracht für einzigartige Aufnahmen.

Nun ging es weiter und dann kam der Tunnel, der das Festland mit dem nördlichen Teil verbindet. Ein Tunnel, der über 200 Meter unter dem Meeresspiegel verläuft und 6 Kilometer lang ist. Mit Tunneln kennen wir uns ja mittlerweile aus und selbst die dunkelsten und engsten sind kein Problem mehr, aber dieser war besonders.
Dieser Tunnel verlief erst mal über mehrere Kilometer mit einem starken Gefälle kerzengrade nach unten. Es hatte etwas Unheimliches an sich, da es immer tiefer ging und auch Wasser von der Decke tropfte. Natürlich haben wir vollstes Vertrauen in die norwegische Tunnelbaukunst, aber zu wissen, dass ein Meer über einem ist und diese kleine Röhre ziemlich rustikal anmutete, bescherte uns ein mulmiges Gefühl.
Nach einer gefühlten Ewigkeit ging es endlich wieder bergauf und dem Licht entgegen. Wieder wechselte sich die Landschaft und wir fuhren an der Küste entlang. Aber so wie auch die Landschaft sich änderte, änderte sich auch das Wetter. Leichter Regen zog auf. Jedoch nicht zu viel, sodass die Regenkombi nicht notwendig wurde, aber genug um die wundervollsten Regenbögen zu sehen. So intensiv und nah, wie wir sie noch nie im Leben gesehen hatten, über einer Landschaft, die aus einem Märchen zu stammen scheint.

Nun war es so weit, die letzten Kilometer fielen und das Nordkap kam langsam in Sicht. Wir wurden ernsthaft aufgeregt. Doch zuerst Eintritt zahlen an einem kleinen Mauthäuschen. Die letzten paar Meter bis direkt vor das Gebäude waren wie die letzten paar Meter vor der Ziellinie nach einem Marathonlauf.

Wir parkten direkt vor dem Eingang und gingen in das Gebäude hinein. Ein kurzer rundum Blick und dann erst mal runterkommen und etwas aufwärmen. Wir entschlossen uns im dortigen Imbiss die wohl teuersten Hotdogs zu kaufen und einen Kaffee zu trinken. Das war es uns einfach mal wert.

Jetzt ging es weiter wieder nach draußen immer näher zum weltberühmten Nordkapdenkmal und dem nördlichsten Punkt Europas. Wir waren also angekommen und fielen uns erst mal in die Arme um uns zu gratulieren. Das wir dieses Ziel erreicht haben, als quasi Anfänger mit nur 2 Jahren Motorrad Praxis, ein unbeschreibliches Gefühl. Rückblickend haben wir für uns persönlich eine extreme Leistung vollbracht und sind überglücklich. Dieses Abenteuer ist noch nicht zu Ende, aber bis hierher einfach schon so fantastisch gewesen.

Und nun die Drohne ab in die Luft und einige tolle Panoramen geschossen. Wir schauten uns anschließend alles an, das Kino, die Kapelle, den Souvenir Laden, die Denkmäler vor Ort und einfach nur die Aussicht in die Ferne über das Meer. Denn hinter dem Horizont kam nichts mehr, nur der Nordpol.

Nach mehreren Stunden Aufenthalt und nachdem wir wirklich alles gesehen haben, entschlossen wir uns, die Rückfahrt zum Basiscamp anzutreten. Das Wetter spielte auch wieder mehr mit als vorher und sogar die Sonne kam wieder heraus.
Drago hatte zwar noch eine halbe Tankfüllung, aber entschloss sich den Spaß zu machen, bei der nördlichsten Tankstelle Europas noch einige Liter nachzutanken. 2€ pro Liter waren da aber ein teurer Spaß. Zum Glück waren es nur 8 Liter, die rein gingen.
Auf dem Weg zurück hielten wir noch einige Male an, um Videos und Fotos der Landschaft zu machen. Dabei kam uns noch etwas in den Sinn, dass wir eigentlich vor hatten. Wir haben vor Monaten aus Spaß gesagt, dass wir, wenn wir schon mal da sind, nackt in die Beringsee springen könnten. Einfach um es mal gemacht zu haben.
Also parkten wir am Meer und gingen ans Wasser. Wir zogen die Motorradhandschuhe aus und steckten jeder zwei „nackte“ Finger ins eiskalte Wasser. Mission erfüllt. Vielleicht etwas gemogelt, aber wenigstens haben wir zu unserem Wort gestanden.

Abends in der Hütte ließen wir den Tag Revue passieren und konnten es nicht genug hypen, wie toll dieser Tag doch gewesen war und welch ein atemberaubender Moment nach dieser 4.000 km langen Reise.
Wir packten unsere Sachen wieder zusammen und bereiteten alles so weit vor, sodass wir am nächsten Morgen gleich startklar wären. Nun hieß es ab ins Bett und gut ausruhen, denn morgen geht es wieder zurück. Über Finnland und Schweden wieder 4.000 km. Das Abenteuer Rückreise hat begonnen.
