Die gefühlte Ewigkeit
Anselm:
Nachdem wir die Twins bestellt hatten, hieß es warten. Im Motorradhaus war man zuversichtlich, dass die Motorräder bald geliefert werden konnten. Das Zentrallager von Honda Europe ist in Brügge und beide Modelle, in den von uns gewünschten Konfigurationen, waren auf Lager. Jetzt hieß es besonders für mich: Daumendrücken!
Da ich 2 Wochen, nachdem wir bestellt hatten nochmal nach Kroatien fahren würde (diesmal mit meiner Familie) hoffte ich, dass der LKW aus Brügge noch vorher kommen würde.
Leider blieb es für mich bei dieser Hoffnung und so fuhr ich wieder Richtung Süden. Ich genoss den Familienurlaub, das Wetter war fantastisch und ich kannte von unserem Männertrip viele neue Auflugsziele, die weder meine Frau noch die Kinder kannten. Ich gab also einen passablen Reiseführer ab. Abends schaute ich mir viel die Bilder von der Probefahrt an und hoffte täglich auf eine Nachricht von Drago, ob die Bikes endlich geliefert wurden.
Am 17.07.2019 war es (nach einer gefühlten Ewigkeit) endlich so weit: Per WhatsApp kam die erlösende Nachricht von Drago

Drago war also tatsächlich vor Ort und konnte unsere bereits angemeldeten Twins begutachten.

Drago:
Es war der Tag X in meinem Kalender. Der Tag an dem ich meine Africa Twin beim Händler abholen konnte. Ich war natürlich nervös und auch angespannt. Zum einen freute ich mich sehr mein Motorrad abzuholen, aber zum anderen war ich auch traurig, dass es nicht, wie geplant, mit Anselm zusammen geklappt hat. Denn nun musste ich ja auch das Motorrad ganz alleine heim fahren. Vorher waren Anselm und ich immer zusammen auf Achse gewesen und dies sollte meine erste Fahrt alleine werden.
Ich fuhr nach der Arbeit zunächst mit dem Auto zu meinen Eltern, dort holte ich meinen Vater ab. Er sollte mein Auto wie besprochen zu mir nach Hause fahren während ich mit dem Motorrad komme. Wir fuhren gemeinsam zum Händler und mein Vater sah die Africa Twin zum ersten mal in voller Pracht. Er war sehr überrascht über die Größe. Ich versicherte ihm, dass es mir am Anfang genau so ging, aber sobald ich drauf sitze passt es perfekt zu meiner Körpergröße.
Der Händler nahm sich diesmal richtig Zeit und erklärte mir eine halbe Stunde nochmal alle Details. Die Einstellungen des Bordcomputers, die Wartungsintervalle sowie alle Teile, die ich selbst pflegen und instand halten muss.
Nach der Einweisung ging es dann los. Ich bat meinen Vater, dass er voran fährt, da ich den Weg Überland zurück zu mir nicht ganz genau wusste. Der Händler war im Odenwald und ich musste Richtung Taunus.

Das Wetter war sonnig und perfekt. Einzig, der um 17h einsetzende Berufsverkehr bereitete mir etwas Magendrücken. Leider weiß ich bereits aus den Fahrten in der Fahrschule, der Probefahrt und Kroatien, dass es manche Autofahrer etwas rücksichtslos mit Motorradfahrern treiben. Also war Vorsicht geboten. Ich beschloss ruhig und Langsam die Überführung anzugehen.
Mein Vater fuhr also mit meinem Auto voraus und alles war prima. Wir fuhren Überland und anschließend noch ein kurzes Stück durch die Stadt. Als wir auf die A5 kamen, gab mein Vater plötzlich Gas. Ich versuchte dran zu bleiben, aber erst waren es 120, dann 140,dann 150 km/h. Der Verkehr auf der Autobahn war recht dicht und mein Vater fuhr auf der zweiten Spur von links. Das letzte mal, dass ich eine Autobahnfahrt hatte, war mit der Kawasaki der Fahrschule und das hat mir nicht besonders gut getan. Diesmal musste ich dran bleiben und wurde gleich nochmal etwas nervöser.
Kaum zuhause angekommen, bedankte ich mich bei meinem Vater und musste ihm auch unterstellen, dass er mit seinen 70 Jahren noch einen wirklich heißen Reifen fährt.
Ich stellte meine Africa Twin in der Garage ab, gab ihr einen imaginären Gutenacht Kuss und brachte meinen Vater mit dem Auto nach Hause.
Ich war absolut zufrieden und freute mich schon, so schnell wie möglich wieder eine Runde drehen zu können. Natürlich berichtete ich sofort Anselm von alledem und wie unfassbar viel Spaß es gemacht hat. Es war nicht meine Absicht ihn neidisch zu machen , denn das würde uns beiden eh nie gelingen. Wir freuen uns immer für den anderen so sehr mit, als ob man selbst dieses Glück hat. Das macht unsere Freundschaft aus.
